Europa steht an der Schwelle zu einer beispiellosen Transformation seines Stromsystems: Die Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER) und der Rat der europäischen Energieregulierungsbehörden (CEER) haben in ihrem neuesten umfassenden Bericht zur Zukunft des Stromsystems einen dringenden Handlungsaufruf veröffentlicht. Darin skizzieren sie die vielfältigen Herausforderungen, die der Kontinent bewältigen muss, um bis 2030 und darüber hinaus einen dekarbonisierten, verbraucherzentrierten und wettbewerbsfähigen Strommarkt zu erreichen.
Paneuropäisch vernetzte Strommärkte
Im Zentrum ihrer Vision steht die Notwendigkeit eines paneuropäischen Ansatzes für die Stromversorgungssicherheit. Die beschleunigte Einführung fluktuierender erneuerbarer Energiequellen in Kombination mit dem Ausstieg aus konventioneller, fossiler Erzeugung hat die Herausforderungen der Stromversorgungssicherheit in Europa verstärkt. ACER und CEER betonen, dass gut vernetzte Märkte entscheidend sind, um nationale Preisschocks abzufedern und sicherzustellen, dass in Stressphasen Strom nach Bedarf importiert oder exportiert werden kann. Die Stärkung von Governance und institutionellem Rahmen, um die Verfügbarkeit grenzüberschreitender Kapazitäten zu gewährleisten, ist dabei zentral. Ebenso wichtig ist es, Angemessenheitsbewertungen der Ressourcen (Resource Adequacy Assessments) so zu verbessern, dass sie die Fähigkeit der Mitgliedstaaten widerspiegeln, sich in Systemstresssituationen gegenseitig zu unterstützen.
Die Sicherstellung ausreichender Flexibilität im Stromsystem erweist sich als weitere Schlüsselpriorität. Der Übergang zu erneuerbaren Energien erfordert ein Spektrum an flexiblen Ressourcen, die fluktuierende Erzeugung ergänzen. Kurzfristige Flexibilität kann durch Lastmanagement (Demand Response) und Speicher bereitgestellt werden, während langandauernde Flexibilität anspruchsvoller ist und technologische Innovationen erfordert. Entscheidungsträger werden aufgefordert, Hemmnisse abzubauen und Marktregeln zu entwickeln, die die Einführung nicht‑fossiler Flexibilitätsressourcen unterstützen. Zudem ist ein klarer regulatorischer Rahmen für Demand Response und dezentrale Flexibilität unerlässlich.
Investitionsstabilität durch gut funktionierende langfristige Strommärkte wird als Grundpfeiler für die massiven Investitionen hervorgehoben, die der Übergang erfordert. ACER und CEER plädieren für effiziente Terminmärkte, die transparente und robuste Signale für den zukünftigen Wert von Strom liefern. Falls Marktsignale allein nicht ausreichen, können regulatorische Eingriffe – etwa Fördermechanismen oder die Verwendung von Erlösen aus dem EU‑Emissionshandelssystem (EU‑EHS) – zusätzliche Investitionen anstoßen. Empfohlen werden koordinierte Best Practices bei der Ausgestaltung von Contracts for Difference (CfDs), Flexibilitätsförderprogrammen und Kapazitätsmechanismen, um Marktverzerrungen zu minimieren.
Integration von dezentraler Erzeugung und Verbrauch
Die Rolle der Verteilnetze bei der Erreichung eines flexiblen und dekarbonisierten Energiesystems wird ebenfalls hervorgehoben. Die Integration dezentraler Erzeugung und des Verbrauchs stellt die Stromverteilnetze vor erhebliche Herausforderungen und erfordert intelligente Investitionen sowie einen regulatorischen Rahmen, der diese Veränderungen unterstützt. Die Sicherstellung der Neutralität der Verteilnetzbetreiber (VNB) ist entscheidend, um Marktprozesse zu erleichtern und notwendige Daten effizient bereitzustellen. Eine eigentumsrechtliche Entflechtung zwischen VNB und Energieversorgungsunternehmen wird als wirksame Maßnahme vorgeschlagen, um diese Unabhängigkeit zu erreichen.
Die Befähigung der Verbraucherinnen und Verbraucher, zu aktiven Teilnehmern am Energiemarkt zu werden, wird als wirkungsvolles Instrument zur Bereitstellung von Flexibilität identifiziert. Durch ein breites Angebot an Preismodellen und flexiblen Optionen können sie ihr Verbrauchsverhalten anpassen, um das Stromsystem zu unterstützen. Entscheidungsträger werden ermutigt, Leitlinien zu entwickeln, die eine Bandbreite an Preismodellen – von dynamischen bis hin zu Festpreisverträgen – sicherstellen, um die Systemflexibilität zu fördern und allen Kundinnen und Kunden Wahlmöglichkeiten zu bieten. Darüber hinaus ist es notwendig, die regulatorische Aufsicht für neue Akteure im Endkundenmarkt und für Drittanbieter-Intermediäre zu stärken, da neue Arten von Flexibilitätsangeboten und -dienstleistungen entstehen.
Wie kann der EU‑Strommarkt weiter gestärkt werden?
Bei der Entwicklung und der Kostenaufteilung der europäischen Stromübertragungsinfrastruktur rufen ACER und CEER zu einer verbesserten und transparenten paneuropäischen Bewertung des Infrastrukturbedarfs auf. Ein ergänzender EU‑Planungsansatz zur Identifizierung regionaler Infrastrukturlösungen sowie die Befähigung der Regulierungsbehörden, Projektvorschläge zur Schließung von Infrastrukturlücken anzufordern, sind entscheidende Schritte. Zudem müssen Kosten und Nutzen der Netzinfrastruktur EU‑weit gerecht geteilt werden. Eine ganzheitliche Überprüfung bestehender Mechanismen zur Kosten‑ und Nutzenverteilung ist unerlässlich, um den breiteren Nutzen verbundener Netze abzubilden.
Das „Efficiency‑First“-Prinzip wird als Ansatz hervorgehoben, um den Bedarf an zusätzlichen Investitionen zu verringern, indem der Wert bestehender und künftiger Anlagen maximal ausgeschöpft wird. Faire und kostenreflektierende Netzentgelte sind erforderlich, um steigende Netzkosten zu steuern; koordinierte Ansätze zwischen den Mitgliedstaaten sind vorzuziehen, um Gleichbehandlung sicherzustellen. Ebenso entscheidend ist die Verbesserung der Marktgovernance, mit dem Fokus, Verzögerungen bei Projekten zur Marktintegration zu reduzieren und Durchsetzungsverfahren zu stärken.
Schließlich kann die Bedeutung starker und unabhängiger Energieregulierungsbehörden nicht hoch genug eingeschätzt werden. Diese Behörden müssen angemessen ausgestattet und frei von Partikularinteressen sein, um eine nachhaltige und bezahlbare Systementwicklung zu gewährleisten. Entscheidungsträger werden aufgefordert, die Unabhängigkeit der Regulierungsbehörden zu schützen und ihnen ausreichende Ressourcen bereitzustellen, damit sie ihre gesetzlich übertragenen Aufgaben wirksam erfüllen können. Eine Stärkung der Rolle der Regulierungsbehörden in der Infrastrukturplanung und bei Angemessenheitsfragen wird den EU‑Strommarkt weiter festigen.


